Impro und ich – in 5, 4, 3, 2, 1, los!

25.7.26 | Allgemein, Konflikte, Selbstwirksamkeit

Wer mich kennt, weiß: Ich probiere gerne Neues aus. Neugier ist für mich ein ziemlich guter Kompass. Als eine Bekannte von ihren Impro-Erfahrungen vorschwärmte, war mein erster Gedanke: Klingt spannend!

Mein zweiter Gedanke: Moment mal … was macht man da eigentlich?

Mit genau dieser Mischung aus Vorfreude und einer großen Portion Ahnungslosigkeit bin ich in einen 12-Wochen-Kurs gestartet. Rückblickend kann ich sagen: Ich habe viel gelacht, tolle Menschen kennengelernt und ganz nebenbei festgestellt, dass Improvisation erstaunlich viel mit dem echten Leben zu tun hat.

Niemand macht sich zum Affen – versprochen

Ganz ehrlich: Ich hatte vor dem ersten Termin schon kurz die Befürchtung, dass wir gleich irgendwelche wilden Pantomimen aufführen oder laut gackernd durch den Raum laufen. (Spoiler: Es gab tatsächlich ein paar ungewöhnliche Übungen.)

Der große Unterschied war aber: Es fühlte sich nie peinlich an.

Der Kurs war ein geschützter Raum. Niemand wurde bewertet, niemand ausgelacht und niemand musste besonders lustig oder schlagfertig sein. Im Gegenteil: Alle waren da, um gemeinsam auszuprobieren, zu spielen, zu scheitern („heiter scheitern“), weiterzumachen und dabei eine Menge Spaß zu haben.

„Ja, und…“ – zwei kleine Worte mit großer Wirkung

Eines der wichtigsten Prinzipien im Impro heißt: „Ja, und…“. Anstatt eine Idee direkt abzubügeln, nimmt man sie erst einmal an und baut darauf auf. Das klingt nach einer simplen Regel. Ist es auch. Und gleichzeitig verändert sie unglaublich viel.

Wie oft reagieren wir im Alltag mit einem höflichen „Ja, aber…“? Das Gespräch über beispielsweise eine neue Idee ist damit oft schneller beendet, als es begonnen hat. „Ja, und…“ öffnet dagegen Türen.

Je mehr du das übst, um so öfter hast du die kleine Impro-Fee auf deiner Schulter, die dir sagt: „Nicht sofort bewerten. Erst einmal annehmen.“

Raus aus den Silos, rein ins Miteinander!

Je länger der Kurs dauerte, desto häufiger dachte ich: Eigentlich müsste viel mehr Impro in Unternehmen ausprobiert werden.

Gerade dort, wo Teams oder Abteilungen über Jahre ihre eigenen Inseln gebaut haben, steckt in dieser Haltung unglaublich viel Potenzial.

Wer lernt, die Ideen anderer zunächst anzunehmen, statt sie reflexartig zu bewerten, kommt viel schneller ins gemeinsame Denken. Aus einem Gegeneinander wird plötzlich ein Miteinander.

Und manchmal reicht genau dieser kleine Perspektivwechsel, damit etwas in Bewegung kommt.

Konflikte? Können auch anders laufen.

Impro hilft dabei, dass Konflikte nicht automatisch Fronten bedeuten müssen.

Stell dir zwei Teams vor: Das eine möchte einen neuen Prozess einführen, das andere verdreht schon beim Gedanken daran die Augen und verschränkt die Arme.. Die klassische Version klingt ein bisschen nach dem Rangeln im Kindergarten:

„Das funktioniert niemals.“ – „Doch.“ – „Nein.“ – „Doch!“ Ende der Diskussion. Oder zumindest des konstruktiven Teils.

Mit der Impro-Haltung könnte das Gespräch ganz anders beginnen: „Ja, ich verstehe, warum euch der zusätzliche Aufwand Sorgen macht. Und gleichzeitig wollen wir die Qualität verbessern. Wie schaffen wir beides?“

Plötzlich entsteht Raum für gemeinsame Lösungen. Ja, und diese Haltung dürfte noch mehr in den Alltag einziehen (nicht nur im Job, sondern insbesondere auch in öffentliche Diskussionen).

Natürlich löst Impro keine Konflikte per Zauberstab. Aber die Haltung dahinter verändert die Art, wie wir miteinander sprechen.

Überraschungen? Her damit!

Eine meiner größten Erkenntnisse nach zwölf Wochen: Ich gehe deutlich entspannter mit Unvorhergesehenem um.

Beim Impro weiß niemand, was als Nächstes passiert. Der Mitspieler sagt etwas völlig Unerwartetes, und plötzlich bist du eine Piratin auf einem Einhorn, die einen Kühlschrank verkauft.

Nicht hinterfragen. Einfach weiterspielen.

Genau dieses Vertrauen habe ich mitgenommen und habe eine heitere Gelassenheit entwickelt, die mich total entspannt.

Lass deinen Partner strahlen

Ein Prinzip hat mich besonders berührt: Lass deinen Partner strahlen.

Es geht nicht darum, selbst die beste Pointe zu liefern oder möglichst viel Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern darum, den anderen gut aussehen zu lassen.

Zuhören (ganz, ganz viel!). Unterstützen. Ideen aufnehmen. Weiterspinnen. Gemeinsam etwas entstehen lassen.

Ich finde, das ist nicht nur eine wunderbare Regel fürs Impro, sondern auch für Zusammenarbeit, Führung und eigentlich für ziemlich viele Begegnungen im Leben.

Die legendäre Werkschau

Und dann kam das große Finale. Zwölf Wochen hatten wir geübt, improvisiert und gelacht. Jetzt war Werkschau. Wir waren bereit. Die Bühne war bereit.

Und im Publikum saß … genau eine Person.

Ich weiß bis heute nicht, wer mutiger war: wir auf der Bühne oder diese eine Person im Publikum.

Was hätte man jetzt machen können? Enttäuscht sein? Absagen? Natürlich nicht.

Wir haben gespielt, gelacht und hatten vermutlich mindestens genauso viel Spaß wie unser Ein-Personen-Publikum. Vielleicht sogar mehr.

Im Nachhinein hätte diese Situation kaum besser zu einem Improkurs passen können. Man nimmt das, was da ist – und macht etwas daraus.

Jeder sieht die Welt anders

Was mich außerdem fasziniert hat: Aus derselben Aufgabe entstanden jedes Mal völlig unterschiedliche Geschichten.

Jeder bringt seine eigenen Erfahrungen, Gedanken und Blickwinkel mit.

Genau darin liegt für mich der Zauber von Impro.

Es zeigt, dass es selten nur die eine richtige Sichtweise gibt. Und dass oft genau dann die spannendsten Ideen entstehen, wenn wir bereit sind, die Perspektive eines anderen einzunehmen.

Fortsetzung folgt

Nach zwölf Wochen steht für mich fest: Improvisation ist viel mehr als Theater. Es ist eine Haltung. Eine Einladung, neugierig zu bleiben. Dinge auszuprobieren. Nicht alles kontrollieren zu wollen. Dem Gegenüber zuzuhören. Gemeinsam etwas entstehen zu lassen. Und auch mal über sich selbst zu lachen.

Impro

Schild mit Aufschrift in Schreibschrift: Alles was wir tun, ist das Beste & Schönste, was uns gerade einfällt, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen.

Ich freue mich jetzt schon auf Oktober, wenn der neue Kurs beginnt. Und wer weiß – vielleicht sitzen dann sogar zwei Menschen im Publikum.

An dieser Stelle danke an Christian und Denis von Momentum, dass ihr uns geholfen habt, achtsam Quatsch zu machen.