Sommer, Sonne, Konfliktpause? Warum gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für gute Führung ist

22.7.26 | Allgemein, Konflikte

Es gibt Dinge, die verschiebt man gern. Den Zahnarzttermin. Die Steuererklärung. Das Aufräumen des Kellers. Und manchmal leider auch das Gespräch mit der Kollegin, die seit Wochen gereizt wirkt. Oder mit dem Mitarbeiter, dessen herausforderndes Verhalten das ganze Team beschäftigt.

Dabei wissen Führungskräfte meistens sehr genau, dass sie das Gespräch führen sollten – und zwar zeitnah, wie es so schön heißt. Die Regeln für schwierige Gespräche sollten guten Führungskräften geläufig sein. Warum passiert es trotzdem häufig nicht? Im Zwiegespräch mit sich selbst lautet die Antwort aktuell vielleicht seltener: „Weil ich konfliktscheu bin.“ Viel häufiger wohl eher: „Ich schaffe es gerade einfach nicht.“ Da liegt der Unterschied.

Konflikte brauchen Energie

Ob Kita-Leitung, Pflegedienstleitung oder Führungskraft im Controlling – auf Führungskräfte prasseln viele Anforderungen ein. Neben dem eigentlichen Tagesgeschäft kommen Fachkräftemangel, kurzfristige Ausfälle, Dokumentationspflichten, neue gesetzliche Anforderungen und immer neue Projekte hinzu. Viele Leitungskräfte fühlen sich, als würden sie den ganzen Tag nur Brände löschen. Und dann noch ein schwieriges Gespräch führen? „Geh mir weg damit“ – heißt es im Zwiegespräch – und: „Den nächsten Waldbrand brauche ich jetzt gerade nicht.“

Was passiert? Das Problem wird vertagt, man drückt sich um ein wichtiges Gespräch. Es herrscht die Meinung, dass von Führungskräften Stärke verlangt wird. Ich finde, wir dürfen gnädiger mit Führungskräften sein. Jetzt denken Sie vielleicht: „Dafür bekommt Herr Meier aber ein ordentliches Schmerzensgeld. Da muss er jetzt durch.“ Tja, Herr Meier ist eben auch nur ein Mensch. Und deshalb mal die Rückfrage, ob es nicht daran liegen könnte, dass Herr Meier DURCH IST. Das hat nichts mit mangelnder Führungsstärke zu tun, sondern mit Erschöpfung.

Der Klassiker: „Nach den Sommerferien…“

Gerade jetzt beginnt in vielen Bundesländern die Urlaubszeit. Plötzlich wird es etwas ruhiger. Einige Projekte pausieren, Sitzungen fallen aus, der Terminkalender bekommt kleine Lücken. Und fast automatisch denkt man: „Darum kümmere ich mich nach den Ferien.“ Das klingt vernünftig.

Nur leider haben Konflikte die unangenehme Eigenschaft, keinen Urlaub zu machen. Während wir auf Mallorca am Strand sitzen, mit dem Boot raus aufs Meer fahren oder durchs Tannheimer Tal wandern, arbeiten sie im Kopf weiter, diese ungeklärten Konflikte. Man ist zwar abgelenkt und der Arbeitsplatz ist weit entfernt. Aber die Probleme sind nicht verschwunden. Und es kommt noch dicker: Probleme werden größer, wenn sie nicht geklärt werden. Missverständnisse wachsen. Vermutungen ersetzen Gespräche. Da geht schnell mal das Kopfkino an (kennen wir alle und es ist irre, was man sich da manchmal so zusammenreimt).

Nach den Ferien wartet dann nicht mehr dieselbe Situation –  sondern meist eine schwierigere.

Kleine Konflikte werden selten kleiner

Jeder kennt das aus dem Alltag. Ein loser Knopf wird irgendwann zur kaputten Jacke. Ein kleiner Riss im Fahrradreifen endet mit einer Panne. Oder nehmen wir die Deutsche Bahn. Niemand würde behaupten, dass die heutigen Herausforderungen durch einen einzigen ungelösten Konflikt entstanden sind. Aber sie zeigen sehr anschaulich, was passiert, wenn notwendige Entscheidungen, Investitionen oder strukturelle Probleme über viele Jahre aufgeschoben werden: Irgendwann summieren sich viele kleine Baustellen zu einer riesengroßen Herausforderung.

In Teams passiert etwas Ähnliches. Nicht die eine Situation macht Probleme. Sondern die vielen kleinen Gespräche, die nie geführt wurden.

Erschöpfte Führung sieht anders aus, als wir denken

Wenn wir an erschöpfte Führungskräfte denken, stellen wir uns oft jemanden vor, der völlig ausgebrannt wirkt. In Wirklichkeit kommt Erschöpfung häufig viel unscheinbarer daher:  Man funktioniert, arbeitet, organisiert, springt ein, beantwortet Mails. Und die Energie für die Aufgaben, die besonders viel emotionale Kraft kosten? Die fehlt. Weil neben den vielen Bränden auch zu wenig Pausen eingeschoben werden.

Ein ehrliches, notwendiges Gespräch wird nicht gesucht. Das ist menschlich. Aber eben auch riskant.

(Nicht nur) im Sozialwesen spürbar

Kita-Leitungen kennen die Situation: Eigentlich müsste dringend mit zwei Mitarbeitenden über etwas gesprochen werden. Doch dann fällt wieder jemand krankheitsbedingt aus. Also übernimmt die Leitung selbst eine Gruppe. Das Gespräch wird verschoben. Pflegedienstleitungen erleben Ähnliches. Der Dienstplan muss neu geschrieben werden, Angehörige haben Fragen, der MDK hat sich angemeldet (oder noch schlimmer: Die Heimaufsicht steht morgens unangemeldet vor der Tür).

Da wäre immer noch dieser unbearbeitete Konflikt. „Nicht heute.“

Oder Führungskräfte in Verwaltungen: Zwischen Haushaltsplanung, Jahresabschluss, Kennzahlen und Gremiensitzungen bleibt wenig Raum für die leisen Themen.

Dabei sind genau diese Gespräche oft entscheidend für eine gute Zusammenarbeit.

Sommer, Sonne, Kaktus… vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt

Die Sommerferien können neben der Erholung auch ein kleiner Zwischenstopp sein. Ein Moment, um sich zu fragen:

  • Welches Gespräch schiebe ich schon länger vor mir her?
  • Welche Situation kostet mich mehr Energie, weil ich sie vermeide, als wenn ich es endlich ansprechen würde?
  • Welche Mitarbeiterin oder welcher Mitarbeiter wartet vielleicht längst auf ein offenes Wort?

Manchmal reicht schon ein Termin im Kalender. Mit dem Zweck, sich selbst ein Versprechen zu geben: Nach dem Urlaub beginne ich damit.

Mein Sommerimpuls

Falls Sie in den nächsten Wochen ein paar ruhigere Minuten finden, schreiben Sie sich nur eine einzige Frage auf:

Welches Gespräch würde meinem Team nach den Sommerferien am meisten guttun?

Mehr müssen Sie heute gar nicht tun. Der erste Schritt ist selten das Gespräch. Der erste Schritt ist die Entscheidung, es nicht länger aufzuschieben.

Und wer weiß? Vielleicht starten Sie nach dem Urlaub nicht nur erholt, sondern auch mit etwas mehr Leichtigkeit in den Führungsalltag. Ihr Team wird den Unterschied vermutlich schneller bemerken, als Sie denken.

Abstand und Erholung von der Anspannung tun gut, um auf konstruktive Lösungen zu kommen.

Schönen Urlaub allerseits!