Organisationen lernen gerade neu

03.7.26 | Organisation, Allgemein

Ich war schon zu Angestelltenzeiten mit Führungskräfteprogrammen beschäftigt. Dabei hatte ich früher mal den Glauben daran, dass gute Trainings der Schlüssel für Entwicklung sind. Eine Fachtagung, ein paar intensive Seminartage, gute Inhalte, gute Trainer:innen. Doch so richtig rund fühlte sich das irgendwie nie an.

Denn ich konnte nicht wirklich feststellen, dass Menschen das Gelernte dauerhaft in ihren Alltag mitnehmen.

Nicht, weil die Inhalte schlecht wären oder der Wille fehlte. Im Gegenteil. Ich habe viele kluge Konzepte, engagierte Trainerinnen und Trainer und begeisterte Teilnehmende erlebt. Trotzdem hatte ich irgendwie immer wieder das Gefühl, dass zwischen dem Seminarraum und dem Arbeitsalltag ein schwarzes Loch ist. Als ich mal als Angestellte darauf hingewiesen habe und Vorschläge unterbreitete, wurde das abgetan mit Sätzen wie: „Dann sollen die Leute mal ein gutes Buch über Führung und Teamentwicklung lesen und selbst ins Tun kommen.“ Und: „Ihre Ideen in allen Ehren – aber dafür haben wir keine Ressourcen.“

Heute sage ich ganz deutlich: Organisationen können es sich nicht leisten, dass überhaupt ein schwarzes Loch entsteht.

Die Welt hat sich verändert

Wissen war früher ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Heute ist Wissen nahezu unbegrenzt verfügbar. Wir können innerhalb weniger Sekunden Antworten finden, Fachartikel lesen oder uns von Künstlicher Intelligenz komplexe Sachverhalte erklären lassen.

Wenn Wissen nicht mehr knapp ist – was müssen Menschen dann eigentlich noch lernen?

Ich glaube, die Zukunft gehört nicht den Organisationen, die am meisten Wissen vermitteln und ihre Mitarbeitenden in irgendwelche Führungsschulungen schicken. Sie gehört den Organisationen, die ihre Mitarbeitenden befähigen, Verantwortung zu übernehmen, gemeinsam zu lernen und mit Unsicherheit umzugehen. Menschen, die reflektieren können, Vertrauen aufbauen, Konflikte gestalten und sich immer wieder auf neue Situationen einstellen.

Entwicklung lässt sich nicht vermitteln

Genau das lässt sich aus meiner Sicht nicht in einem Seminar „vermitteln“. Ein Seminar kann lediglich Impulse setzen und zum Alltagstransfer anregen.

Das, was zur Veränderung nötig ist, entsteht durch Erfahrung: durch Ausprobieren, Austausch, Reflexion. Und ganz besonders dort, wo Arbeit tatsächlich stattfindet – im Alltag. Keine völlig neue Erkenntnis: siehe das 70-20-10-Modell von Lombardo und Eichinger.

Entwicklung braucht Zeit

Befähigung braucht Zeit, Schleifen von Entwicklung, Austausch- und Begleitformate. 

Vielleicht müssen wir deshalb aufhören, Entwicklung als Veranstaltung zu verstehen. Vielleicht sollten wir Entwicklung vielmehr als einen Prozess begreifen, der Menschen im Alltag begleitet. Mit kleinen Impulsen. Mit Experimenten. Mit Resonanz. Mit dem Mut, Dinge anders auszuprobieren, auch mal zu scheitern und dranzubleiben. Ganz nach dem agilen Prinzip.

Was das für meine Arbeit bedeutet

Diese Gedanken haben mich in den vergangenen Monaten intensiv beschäftigt. Ich glaube nicht an Fortbildung als einmaliges Ereignis, weil es nicht viel bringt und deshalb mehr und mehr als Kostenfaktor oder als „Goodie“ und Ersatz für die Gehaltserhöhung gesehen wird. Beides können sich Organisationen nicht mehr leisten.

Ich glaube an Lern- und Entwicklungsreisen. An Formate, die sich dem Arbeitsalltag anpassen –  und nicht umgekehrt. An Führungskräfte, die nicht nur lernen, sondern sich weiterentwickeln. An Teams, die Verantwortung nicht übertragen bekommen, sondern sie gemeinsam gestalten.

Organisationen lernen gerade neu

Ich glaube daran, dass Organisationen genau das gerade lernen. Deshalb ist dieser Satz für mich weit mehr als eine Überschrift geworden:

Organisationen lernen gerade neu.

Er beschreibt eine Entwicklung, die ich in vielen Unternehmen beobachte. Und die mich in den kommenden Jahren beschäftigen wird. In der Entwicklung von Lernreisen, neuen Lernformaten und Tools. 

Vielleicht ist das sogar die wichtigste Frage unserer Zeit:

Wie entwickeln wir Menschen in einer Welt, in der Wissen jederzeit verfügbar ist?

Ich freue mich darauf, die Antworten gemeinsam mit anderen zu entdecken.

Was denkst du? Was braucht es, damit echte und nachhaltige Wirkung entsteht? Ich freue mich auf einen echten Austausch.