Warum Zuversicht wichtiger ist als Hoffnung

Die Welt da draußen ist verrückt: Krisen, Unternehmenspleiten, steigende Kosten. Umso wichtiger ist es, die Zuversicht nicht zu verlieren – sondern sie zu beeinflussen. Dabei geht es nicht um Weichspülerei und Blauäugigkeit. Was uns dabei hilft, habe ich aufgeschrieben: Eine Mischung aus eigenen Erfahrungen, Erlerntem und mithilfe der Positiven Psychologie, die dazu wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse und Methoden liefert.
Im deutschsprachigen Raum gibt es zwei Begriffe, die auf den ersten Blick nah beieinanderliegen: Zuversicht und Hoffnung. Einer davon hat etwas mit unserem Einflussbereich zu tun.
Ich hoffe, dass unsere Welt enkelfähig ist. Meine Hoffnung ist, dass dieses Land wieder mehr an sich glaubt. Und ich hoffe, dass die Himmelsleiter auf St. Lamberti bleibt, weil ich ihren Anblick so mag. Habe ich darauf Einfluss? Nicht in dem Maße, wie es tatsächlich eine Wirkung hätte.
Hoffnung blickt nach außen – Zuversicht nach innen
Anders ist es mit der Zuversicht: Ich habe einen direkten Einfluss auf bestimmte Dinge in meinem Privat- und Berufsleben. So kann ich beispielsweise meine Laune steigern, indem ich den Impro-Kurs besuche, der mir so viel Freude bereitet. Ich kann die Flut der schlechten Nachrichten eindämmen, indem ich mir vornehme, seltener in die Tagesschau-App zu schauen. Als Führungskraft kannst du die Zuversicht in deinem Team verbessern, indem du nicht ständig schlechte Botschaften sendest, sondern realistisch auf das schaust, was beeinflussbar ist (und abgrenzt, was nicht) und ihr im Team gemeinsam die Möglichkeiten des Einflussbereiches nutzt: Ihr bekommt keine Entscheidungen von oben für ein wichtiges Projekt? Dann schaut, was ihr jetzt in eurer Abteilung konkret anpacken könnt, anstatt nur auszuharren, zu warten und frustriert zu sein.
Der Gründer kann sichtbarer werden, wenn er seine Geschäftsidee auf einer Veranstaltung vorstellt, anstatt im stillen Kämmerchen vor sich hinzuschmollen, weil keiner ihn bucht.
Ich habe Einfluss darauf, wie ich meinen Freundeskreis gestalte und was mir Kraft gibt.
Growth Mindset trainieren
Zu allem gehört Anpack und Mut. Das hat viel mit dem Growth Mindset zu tun – der Überzeugung, dass Fähigkeiten und Talente nicht in Stein gemeißelt sind, sondern durch Anstrengung, Lernen und Ausdauer verbessert werden können, so die Beschreibung der Standford Psychologie-Professorin Carol Dweck. Insofern ist auch Zuversicht trainierbar. Dabei helfen unter anderem die eigenen Stärken: Mir fällt es beispielsweise leicht, mit anderen Menschen in Verbindung zu sein und schnell ins Gespräch zu kommen. Mit Humor, gesund ausgeprägt, geht bei mir alles besser. Und meine Kreativität und Energie treiben mich an. Deshalb frag dich: Wie kann dir deine Stärke helfen? Wie stellst du dir deine positive Zukunft vor? Denn die Geschichten, die wir uns selber erzählen, können dabei helfen zuversichtlicher zu werden. Dazu etwas weiter unten mehr. Jetzt erstmal zu den gesundheitlichen Aspekten.
Zuversicht tut gut
Zuversicht ist offensichtlich gut für die Gesundheit. Die Tagesschau berichtete am 24.08.2025 darüber, dass eine ganze Reihe von Studien Hinweise darauf geben, dass Optimisten beispielsweise einen niedrigeren Blutdruck haben, seltener unter Schlafstörungen leiden und häufig über ein besser funktionierendes Immunsystem verfügen. Auch wenn noch nicht vollständig geklärt ist, ob optimistische Menschen gesünder sind, weil sie gesünder leben, oder ob gesunde und erfolgreiche Menschen mehr Gründe haben, optimistisch zu sein.
Im Grunde genommen ist das gar nicht so wichtig. Denn der Blick auf unsere Stärken und ein Perspektivwechsel helfen uns, in schwierigen Zeiten besser über die Wellen des Lebens zu surfen.
Gesunder Optimismus statt Blauäugigkeit
Um etwas Wasser in den Wein zu gießen: Nicht jede Art von Optimismus ist gesund. Blauäugigkeit zum Beispiel. Nicht das blinde Hineinlaufen ins Unglück mit überbordendem Optimismus. Zuträglich ist, was Experten einen gesunden Realismus nennen. Und den kann ich aktiv beeinflussen.
Willpower und Waypower
Ein Konzept aus der Positiven Psychologie beschreibt sehr schön, was damit gemeint ist. Im Englischen gibt es dafür zwei Begriffe, die zusammenwirken: willpower und waypower.
Willpower bedeutet so viel wie: den festen Willen zu haben, etwas anzugehen und sich auf seinem Weg zum langfristigen Ziel nicht kurzfristig von Versuchungen abbringen zu lassen.
Bei Waypower geht es darum, konkrete Lösungswege zu entwickeln, um ein Ziel zu erreichen. Dazu gehört auch, mental flexibel zu bleiben, verschiedene Möglichkeiten ins Auge zu fassen und einen Plan B in der Tasche zu haben.
Willpower + Waypower = Ich bleibe handlungsfähig, denn ich bin realistisch zuversichtlich (zumindest ist das meine Interpretation)
Noch nicht! – Zauberworte mit positiver Wirkung
Die Studentin von nebenan, die knapp bei Kasse ist, um sich in diesem Sommer einen Urlaub zu erlauben, verfällt nicht in Lethargie. Denn sie sagt sich: „Ich kann mir das NOCH nicht leisten.“ Stattdessen radelt sie bei schönem Wetter an den See und genießt die Sonne und ein gutes Buch. Und sie malt sich aus, wie sie in der Zukunft ihre Reiseträume realisiert.
Die Nachwuchsführungskraft, der es noch schwerfällt, in ihre neue Rolle zu finden. Sie ist NOCH nicht so gut im Grenzen setzen – und sie arbeitet daran, indem sie von ihrem Arbeitgeber einen Coach zur Seite gestellt bekommt und Schritt für Schritt ihre Erfahrungen macht.
Das Projektteam, das sich heute zum ersten Mal trifft, hat NOCH keine klaren Strukturen. Das entwickeln sie dann gemeinsam – Schritt für Schritt.
Sprache macht was mit unserem Denken und Handeln: „Heute geht das noch nicht – und ich habe Möglichkeiten an der Hand, das zu ändern.“ Und falls ihr es noch (!) nicht alleine schaffen solltet, dann holt euch Unterstützung. „Ja, aber“ bremst uns nur aus, stattdessen – und wie in der angewandten Improvisation – geht’s um: „Ja, und…“.
Die Regie über das eigene Leben behalten
Kurzum: Handle proaktiv. Bleibe die Regisseurin oder der Regisseur deines eigenen Lebens und deiner Möglichkeiten. Rede dir nichts klein und öffne den Blick für Veränderung. Es muss nicht gleich der große Sprung sein – oft sind Babysteps super. Frag dich: Was könnte ein nächster konkreter Schritt sein? Das ist sehr sinnvoll, um in deine Selbstwirksamkeit zu kommen!
Was stärkt Zuversicht?
Vielleicht fragst du dich jetzt: „Wie soll ich zuversichtlich sein, wenn ich gerade meinen Job verloren habe?“
- Richte den Blick auf das, was du gut kannst.
- Geh im Kopf die Stationen deiner beruflichen Laufbahn durch: Was hat dir Kraft gegeben? Was war richtig gut? Wer hat dich da unterstützt? Dafür nutze ich im Coaching gerne die Timeline als Methode.
- Schreib dir abends auf, was dir heute gut gelungen ist.
- Ziehe am Ende der Woche Bilanz und notiere, was schön war, was dir gelungen ist und was du neu gelernt hast.
- Halte fest, was du verlernt hast, weil es dir nicht guttat.
- Frage dich, mit wem du neu in Kontakt getreten bist.
- Beobachte, wer oder was dir Energie geraubt hat – und wer oder was dir Energie gegeben hat.
Wir sind Weltmeister darin, auf all das zu schauen, was nicht klappt. Deshalb dreh den Winkel und du wirst sehen, was schon alles gut gelaufen ist und welchen Schatz du in dir hast, um Dinge in die richtige Richtung zu navigieren.
Mein eigener Weg zu mehr Zuversicht
Momentan erlebe ich um mich herum einige Menschen, die Angst haben, ihren Job zu verlieren. Eine populäre Weisheit aus dem Zen-Buddhismus lautet: „Ob man es weinend oder lachend hinbringt – ein Leben bleibt ein Leben.“ Sinngemäß bedeutet das: Ob ich meine Zeit lachend oder weinend verbringe – es ist dieselbe Zeitspanne. Dieser Spruch hat mich in verschiedenen Situationen meines Lebens getragen.
Was ich dir mitgeben kann: Auch mein Weg war manchmal steinig und ich fragte mich, wann Licht ins Dunkel kommt. Meine Erkenntnis: Niemand klopft an meine Tür und nimmt mir meinen Koffer ab. Also habe ich mir Unterstützung geholt, auf meine Stärken geschaut, reflektiert, was mir schon alles gelungen ist, wo ich einen Unterschied gemacht habe, wer meine Vorbilder sind, wer mich gefördert hat und warum, in welchen Umfeldern und unter welchen Rahmenbedingungen ich mich wie ein Fisch im Wasser fühlte. Das alles habe ich in meinen Koffer gepackt und bekam dadurch einen klareren Blick auf meine Möglichkeiten und wurde zuversichtlich.
So habe ich begonnen, meinen Zuversichtsmuskel zu trainieren, indem ich vieles von dem umgesetzt habe, was ich oben als Tipps beschrieben habe – und das tue ich bis heute. Das hat mich deutlich entspannter, positiver und optimistischer werden lassen. Und wenn es mich doch einmal erwischt, schaffe ich es inzwischen meist, mich selbst wieder ins Lot zu bringen.
Wenn du an deiner Zuversicht arbeiten möchtest, dann fang an. „Better done than perfect“ ist hier das Motto.