Vertrauen zahlt keine Rechnungen – und ist trotzdem unbezahlbar

Die schlechte Nachricht zuerst: Laut der Global PwC Hopes and Fears Survey vertrauen in Deutschland nur 47 Prozent der Beschäftigten ihrer Unternehmensleitung und liegen damit unter dem weltweiten Durchschnitt (51 Prozent). Die erste gute Nachricht: Das Vertrauen in den Arbeitgeber ist immerhin weitaus besser als das in die aktuelle Bundesregierung, Stand Juni 2026. Die zweite gute Nachricht: Das Vertrauen in den unmittelbaren Vorgesetzten ist laut der PwC Studie aus 2025 mit 59 Prozent deutlich höher, was vor allem durch persönliche Kommunikation und Fürsorge gestützt wird.
„Führungskräfte, die sich als Ermöglicher verstehen, wissen, dass man Erfolg nicht herbeikontrollieren kann.“ – Reinhard Sprenger (2007)
Unternehmen investieren Millionen in Prozesse, Tools und Strategien – aber kaum jemand spricht darüber, warum manche Teams trotzdem scheitern und andere scheinbar mühelos funktionieren.
Woran liegt es, dass Menschen in manchen Unternehmen über sich hinauswachsen? Warum bringen Mitarbeitende Ideen ein, übernehmen Verantwortung und ziehen gemeinsam an einem Strang? Und warum herrscht in anderen Teams trotz guter Rahmenbedingungen Misstrauen, schon fast manische Absicherung und innere Kündigung?
Die Antwort ist oft erstaunlich simpel: Vertrauen. Es ist vielleicht die wichtigste Ressource im Arbeitsleben – und gleichzeitig die am meisten unterschätzte.
Vertrauen – biologisch betrachtet
Dabei ist Vertrauen nicht nur ein gutes Gefühl oder ein kultureller Wunschzustand. Unser Körper reagiert biologisch darauf. Hormone in Reinform, sozusagen!
Wenn Menschen sich sicher, ernst genommen und wertgeschätzt fühlen, schüttet das Gehirn unter anderem Oxytocin aus – häufig auch als Bindungshormon bezeichnet. Dieses Hormon stärkt soziale Verbindung, Empathie und Kooperation. Kennt man von sich selbst: In einem angenehmen Umfeld, in dem ein offener Austausch herrscht, fühle ich mich wohler, bin offener als dort, wo ich direkt merke: Hoppla, was für eine closed shop Atmosphäre… Da gehen bei mir persönlich die Alarmglocken an.
Eine vertrauensvolle Umgebung verändert nicht nur die Stimmung, sondern auch unser Verhalten. Menschen arbeiten kreativer, treffen bessere Entscheidungen und übernehmen eher Verantwortung, wenn sie sich psychologisch sicher fühlen. Gleichzeitig sinkt die Stressrate.
Im Vergleich zu Unternehmen mit niedrigen Vertrauenswerten berichten Mitarbeitende von Unternehmen, in denen ein hohes Vertrauensniveau herrscht, von
- 75% niedrigeren Stresswerten,
- über 100% mehr Energieeinsatz bei der Arbeit,
- bis zu 50% höherer Produktivität,
- 13 % weniger Krankentagen,
- 29% höherer Lebenszufriedenheit
- und 40% weniger Burnout-Fällen.
Diese Angaben stammen von Paul J. Zak (2017), dem Direktor des Center for Neuroeconomic Studies.
Die Abwesenheit von Vertrauen
Fehlt jedoch Vertrauen, passiert biologisch fast das Gegenteil: Unser Gehirn schaltet schneller in den Alarmmodus. Die Amygdala – vereinfacht gesagt das emotionale Warnsystem – reagiert sensibel auf Unsicherheit und Misstrauen. Menschen werden vorsichtiger, defensiver und weniger offen.
Vertrauenskiller
Micromanagement
Micromanagement ist Gift für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Ich hatte mal einen Vorgesetzten, der Wortklauberei betrieb und jeden Satz in meiner Präsentationen durch die Mangel nahm. Er konnte nicht loslassen und hielt seine Version für viel besser. Ich war damals kurz davor zu fragen, ob er nicht meinen Job machen möchte. Er tat das auch bei anderen Kolleg:innen. Das Resultat: Keiner gab sich mehr großartig Mühe, denn wir wussten ja: Er setzt sowieso wieder seinen Rotstift an. Selbstwirksamkeit durch Autonomie? Fehlanzeige.
Menschen wachsen und lernen, in dem man ihnen etwas zutraut. Wer nicht jeden Schritt kontrolliert, sondern Orientierung gibt und Freiraum zulässt, stärkt Eigenverantwortung und Motivation.
Mitarbeiter, die am Freitag noch da waren und ab Montag nicht mehr gesehen wurden
…und niemand in der Chefetage verliert ein Wort darüber. Wenn Mitarbeitende förmlich schikaniert, isoliert, aus der Organisation gedrängt werden, bekommen viele in ihrem Umfeld das erst einmal gar nicht mit. Bis die Kollegin dann plötzlich nicht mehr da ist. Es soll Mitarbeitende gegeben haben, die wutentbrannt zur Geschäftsführung gelaufen sind und gefragt haben, ob sie bald die nächsten sind, die entsorgt werden.
Überwachungskultur
Ich erinnere mich an eine Führungskraft, die regelmäßig nachmittags durch die Büroräume schlich und geschaut hat, wer noch anwesend ist. Übrigens in einem Unternehmen, dass jährlich fette Gewinne einfuhr…
Misstrauen und seine Folgen
Wie oft habe ich zu meinen Angestelltenzeiten erlebt, wie Menschen zynischer wurden, der Flurfunk immer lauter wurde, „save your ass“-Mails geschrieben wurden mit 20 Leuten in cc, wie Silos ihre Wände immer höher zogen, die Ellenbogen ausgefahren wurden, Informationen zurückgehalten wurden. Oder man in unsinnigen Meetings sitzt, nichts Sinnvolles mehr dazu beiträgt, seine Zeit absitzt und sich hinterher lediglich denkt: „Der Kaffee war wirklich gut.“
Vertrauen wirkt sich direkt und indirekt auf den Unternehmenserfolg aus. Und genau deshalb ist es kein „Soft Skill“-Thema, sondern die Grundlage für Leistung, Innovation und gesunde Zusammenarbeit.
Führungskräfte prägen Vertrauenskultur
Besonders Führungskräfte prägen dabei die Kultur stärker, als ihnen oft bewusst ist. Denn Vertrauen entsteht nicht durch schicke Leitbilder an der Wand, sondern im Alltag:
- Werden Zusagen eingehalten?
- Dürfen Fehler offen angesprochen werden?
- Wird kontrolliert oder befähigt?
- Werden Menschen ernst genommen?
Mitarbeitende spüren sehr schnell, ob Vertrauen wirklich gelebt wird. Unternehmen, die eine starke Vertrauenskultur schaffen, fördern nicht nur Motivation und Bindung. Sie schaffen ein Umfeld, in dem Menschen ihre Stärken entfalten können und in dem gute Zusammenarbeit herrscht.
Vier Dinge, die Vertrauen schaffen
- Glaubwürdigkeit: Walk your talk.
- Zuverlässigkeit: Hierzu zählen Pünktlichkeit, stabile Kommunikation statt Wankelmut, realistische Zeit- und Zielvorgaben,
- Kompetenz: Hierzu gehört nicht nur, zu wissen, wovon man redet, sondern auch die Art, mit Fehlern umzugehen und das gut zu moderieren. Und Kompetenz heißt auch, Erfolge zu benennen und sie zu würdigen.
- Nähe: Interesse an den Mitarbeitenden zeigen, ohne übergriffig zu werden; eigene Fehler zugeben können; gute Verbindungen schaffen.
Vertrauen hat einen direkten Impact auf das Wohlbefinden von Mitarbeitenden und auf den Unternehmenserfolg. Statt also zu fragen: „Wie steigern wir Performance?“ besser mal prüfen: „Wie viel Vertrauen gibt es eigentlich in unserem Unternehmen?“
Quellen
- Global PwC Hopes and Fears Survey 2025
- ARD-Deutschland-Trend vom 03.06.2026
- Paul J. Zak (2017): Trust Factor – The Science of Creating High-Performance Companies
- Neurobiologische Grundlagen zu Oxytocin und Vertrauen: Veröffentlichungen der American Psychological Association (APA)